Zweitaktmotor, Überströmkanäle, Drehschieber, Vergaser, Zündung und Getriebe – die klassische Vespa-Motortechnik einfach erklärt.
Der klassische Vespa-Motor ist ein kompakter Einzylinder-Zweitaktmotor, bei dem Motor, Kupplung und Getriebe zu einer kompakten Einheit zusammengefasst sind.
Gleichzeitig bildet der Motor einen wesentlichen Teil der Hinterradaufhängung. Das Hinterrad sitzt direkt am Motor – eine Konstruktion, die wesentlich zur charakteristischen Bauweise der Vespa beiträgt.
Obwohl dieses Grundprinzip über Jahrzehnte erhalten blieb, entwickelte Piaggio die Motoren kontinuierlich weiter: mehr Hubraum, zusätzliche Überströmkanäle, andere Einlasssysteme, grössere Vergaser und modernere Zündanlagen.
Die klassische Vespa verwendet einen luftgekühlten Einzylinder-Zweitaktmotor. Die Kühlung erfolgt über ein Lüfterrad, das Kühlluft unter die Lüfterradabdeckung und über den Zylinder führt.
Eine Besonderheit der Vespa ist die kompakte Integration von Motor und Kraftübertragung.
Beim Zweitaktmotor findet ein vollständiger Arbeitszyklus während einer Kurbelwellenumdrehung statt.
Das Kraftstoff-Luft-Gemisch gelangt zunächst in das Kurbelgehäuse. Durch die Bewegung des Kolbens wird es dort vorverdichtet.
Öffnen die Überströmkanäle, strömt das Frischgas aus dem Kurbelgehäuse in den Zylinder.
Beim klassischen Zweitaktmotor übernimmt das dem Kraftstoff zugesetzte Zweitaktöl die Schmierung wichtiger Motorbauteile.
Je nach Modell und Baujahr wird das Öl direkt dem Benzin beigemischt oder bei entsprechend ausgestatteten Modellen über eine Getrenntschmierung dosiert.
Die Begriffe 2-Kanal und 3-Kanal beziehen sich bei klassischen Vespa auf die Überströmkanäle, durch die das vorverdichtete Frischgas aus dem Kurbelgehäuse in den Zylinder gelangt.
Zwei Hauptüberströmkanäle führen das Frischgas in den Zylinder.
Diese Bauart findet man bei zahlreichen älteren Vespa-Motoren.
Zusätzlich zu den beiden Hauptkanälen besitzt der Zylinder einen weiteren Überströmkanal.
Dadurch kann die Spülung beziehungsweise Zylinderfüllung verbessert werden.
Nicht zuverlässig. Um sicher festzustellen, welche Überströmkanäle Motorblock und Zylinder besitzen, muss man den konkreten Motortyp kennen oder den Zylinder beziehungsweise die entsprechenden Überströmöffnungen betrachten.
Besonders bei alten Vespa ist Vorsicht geboten: In mehreren Jahrzehnten können Motor, Zylinder oder andere Komponenten ausgetauscht worden sein.
Neben den Überströmkanälen ist auch die Art der Einlasssteuerung ein wesentliches Merkmal eines Vespa-Motors.
Der Kolben selbst öffnet und schliesst während seiner Bewegung den Einlass.
Dieses Prinzip findet man unter anderem bei frühen Vespa-Motoren und sportlichen Modellen wie der 180 Super Sport.
Bei der Drehschiebersteuerung wird der Einlass durch die Kurbelwelle und eine genau bearbeitete Dichtfläche im Motorgehäuse gesteuert.
Dieses System wurde bei vielen späteren klassischen Vespa verwendet.
Die Dichtfläche im Motorgehäuse muss in gutem Zustand sein. Starke Beschädigungen können die Einlasssteuerung und damit den Motorlauf beeinträchtigen.
Bei einem geöffneten Vespa-Motor sollte dieser Bereich deshalb sorgfältig kontrolliert werden.
Der Vergaser erzeugt aus Kraftstoff und Luft das Gemisch, das der Motor für die Verbrennung benötigt.
Vespa verwendete über die Jahrzehnte verschiedene Vergasertypen und Grössen.
Besonders bekannt ist die Dell'Orto-SI-Baureihe, die bei zahlreichen klassischen Largeframe-Modellen zum Einsatz kommt.
Die Zahlen kennzeichnen die Dimensionierung des Vergasers. Für die genaue Ausführung ist jedoch zusätzlich der vollständige Vergasertyp wichtig.
Die Hauptdüse beeinflusst vor allem die Gemischaufbereitung bei stärker geöffneter Drossel beziehungsweise im höheren Lastbereich.
Wird Zylinder, Auspuff oder Vergaser verändert, muss die Bedüsung häufig angepasst werden.
Die Zündung erzeugt zum richtigen Zeitpunkt den Zündfunken an der Zündkerze.
Bei klassischen Vespa findet man grundsätzlich unterschiedliche Zündsysteme.
Ein mechanischer Unterbrecherkontakt steuert den Zündzeitpunkt.
Arbeitet ohne mechanischen Unterbrecherkontakt und reduziert damit dessen Verschleiss und Wartungsbedarf.
Der Zündfunke wird bereits ausgelöst, bevor der Kolben den oberen Totpunkt erreicht.
Der Zündzeitpunkt wird deshalb häufig in Grad vor OT angegeben.
Der korrekte Wert hängt vom jeweiligen Motor, Zylinder und Zündsystem ab.
1976 erschien mit der Vespa 125 Primavera ET3 eine sportlichere Weiterentwicklung der Primavera.
Die Bezeichnung ET3 verweist auf zwei wichtige technische Merkmale:
Die ET3 besitzt einen Zylinder mit drittem Überströmkanal und eine elektronische Zündung.
Dadurch wurde das bekannte Primavera-Konzept technisch weiterentwickelt. Zusammen mit dem leistungsstärkeren Motor und einem neuen Auspuff erreichte die ET3 bessere Fahrleistungen.
Mehr zur Baureihe: Vespa Smallframe .
Klassische Vespa besitzen typischerweise eine Mehrscheibenkupplung und ein handgeschaltetes Getriebe.
Geschaltet wird über den linken Lenkergriff. Kupplungshebel und Drehgriff ermöglichen dabei das Kuppeln und den Gangwechsel mit einer Hand.
Nicht nur die Motorleistung bestimmt die Fahrleistung einer Vespa. Primärübersetzung, Gangabstufung und Reifengrösse beeinflussen Drehzahlniveau, Beschleunigung und erreichbare Geschwindigkeit.
Bei getunten Motoren muss deshalb auch die Übersetzung zur Motorcharakteristik passen.
Neben der Rahmennummer besitzt eine klassische Vespa auch eine Motornummer beziehungsweise einen Motortyp.
Rahmen- und Motorkennzeichnung sehen sich häufig ähnlich, sind aber nicht identisch.
Das T steht bei klassischen Piaggio-Typencodes für den Fahrzeugrahmen beziehungsweise Telaio.
Das M kennzeichnet den Motortyp beziehungsweise Motore.
Mehr dazu: Vespa Rahmen- & Motornummern .
Die einfache und robuste Konstruktion klassischer Vespa-Motoren hat über Jahrzehnte eine grosse Tuning- und Zubehörszene entstehen lassen.
Typische Änderungen betreffen beispielsweise:
Mehr Hubraum allein garantiert keinen gut funktionierenden Motor. Zylinder, Kurbelwelle, Vergaser, Bedüsung, Auspuff, Zündung und Übersetzung müssen zusammenpassen.
Nach technischen Änderungen müssen insbesondere Vergaserabstimmung und Zündzeitpunkt kontrolliert und auf die verwendeten Komponenten abgestimmt werden.